17. Juni 2008
Mediale Selbstreferenz
Die Medien beziehen sich mehr und mehr auf sich selbst.
Ihre Berichte werden zu Berichten über Berichte, und ihre
Nachrichten handeln umso weniger von der Welt jenseits der
Redaktionsbüros, je mehr die Sender ihr Logo einblenden,
ihre Korrespondentinnen in den Mittelpunkt ihrer
Korrespondenz stellen oder auf ihre eigenen früheren oder
späteren Sendungen zum gleichen Thema verweisen. Statt über
anderes zu informieren oder die Nachrichten anderer zu
verbreiten, verweisen die Medien auf sich selbst.
Während das Phänomen der Selbstreferenzialität des
Fernsehens immer wieder Gegenstand der Forschung war, stand
die Nabelschau anderer Medien bisher weniger im
Mittelpunkt. Die Autoren untersuchen nun erstmalig drei
Medien, in denen Selbstreferenz bislang kaum vermutet
wurde: Werbung, Comics und Computerspiel.
Mit einem semiotischen Ansatz untersuchen sie Formen und
Grade der Selbstreferenz und analysieren, wie sich die drei
Medien hinsichtlich ihrer Selbstbezüglichkeit
unterscheiden. Die
Werbung steht dabei als
Prototyp für ein nur schwach selbstreferenzielles Medium,
da sie in erster Linie auf Produkte und Dienstleistungen
verweist. Dennoch, so die Autoren, nimmt auch die
Selbstreferenzialität der Werbebotschaften zu. Den Anschein
eines genuin selbstreferenziellen Mediums hat dagegen das
Computerspiel, liegt doch die Finalität eines
jeden Spieles im Spielen des Spiels. Aber auch hier
verweisen die fiktionalen Welten dieser Spiele stets auf
Dinge, Personen und Ereignisse der realen Welt, denn ohne
Referenz auf sie wäre das Spiel nicht spielbar. Zwischen
medialer Fremd- und Selbstreferenz sind die
Comics
angesiedelt, die in ihrer Trivialität ein referenzielles,
aber in ihrer Fiktionalität ein selbstreferenzielles Medium
sind. Die von Comics erzählte Welt war schon immer entweder
die fremdreferenzielle Welt des Alltäglichen oder gar
Banalen oder eine hochgradig selbstreferenzielle Superwelt
höchst unwahrscheinlicher und sich stetes wiederholender
Mythen, die zudem nur vom Medium der Comics selbst
geschaffen wurden. Das Beispiel der Comicromane
„Jimmy Corrigan“ (Chris Ware) und „Der
Ursprung“ (Marc-Antoine Mathieu) zeigt jedoch, wie
selbst das fremdreferenziell Alltägliche zum
Selbstreferenziellen wird, wenn die Comics selbst zum Thema
der Comics geworden sind.