12.06.2008
Grenzen der Fiktion?
James Bond surft auf einer gigantischen Flutwelle mitten in
der Antarktis, er springt von einem Motorrad einem Flugzeug
hinterher und kann unter Wasser übermenschlich lange die
Luft anhalten. Mit den Jahren sind die Actionszenen und der
Plot der James-Bond-Filme immer unglaubwürdiger geworden.
Doch bei den Zuschauern des Spezialagenten und ähnlicher
Filme lässt sich eine interessante Alltagsbeobachtung
machen: Es scheint sie nicht zu stören.
Rezipienten gehen mit den Inhalten fiktionaler Filme
erstaunlich tolerant um. Sie lassen sich von erkennbar
unrealistischen oder auch unlogischen Inhalten kaum in
ihrem Filmgenuss stören. Dahinter steckt ein Phänomen, das
immer wieder als
Suspension of Disbelief
diskutiert wurde.
Die Medienwissenschaftlerin Saskia Böcking hat nun
erforscht, wie sich dieses Phänomen im Rezeptionsprozess
manifestiert. Bezieht sich die Toleranz auf bestimmte
Inhalte? Welche Informationsverarbeitungsprozesse sind
damit verbunden und wann hat die Toleranz des Publikums ein
Ende?
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, entwickelt Böcking
eine medienpsychologisch orientierte Toleranztheorie.
Anschließend untersucht die Autorin in einer Befragung und
zwei Experimenten, ob und wie Zuschauer unrealistische und
inkonsistente Aspekte in Filmen wahrnehmen und welchen
Einfluss rezipientenabhängige Faktoren, wie etwa eine
kritische Haltung zum Film, auf die Wahrnehmung haben.
Neben Wissenschaftlern und Studierenden aus der
Kommunikations- und Filmwissenschaft liefert der Band auch
Filmpraktikern neue Erkenntnisse über Möglichkeiten und
Grenzen von Persuasionswirkungen fiktionaler Medieninhalte.
Oder kurz: Was darf man dem Publikum zumuten, bevor es
abschaltet?
Böckings Antwort wird Drehbuchschreiber und Regisseure
zuversichtlich stimmen: Solange die Handlung in sich
schlüssig ist und sich die Zuschauer gut unterhalten
fühlen, verzeihen sie den Machern eine große Portion von
Realitätsverletzungen. Die fiktionale Welt ist im Moment
des Zuschauens wichtiger als die Wirklichkeit.